04 Juni 2008

"Kronzeuge" vs. Kasparow

Kasparow übertreibt mit Propaganda-Vorwürfen an RIA Novosti - Oppositionspolitiker Ryschkow

MOSKAU, 04. Juni (RIA Novosti). Der Kremlkritiker und Ex-Schachweltmeister Garri Gasparow übertreibt nach Ansicht anderer Oppositioneller zu stark, wenn er der Nachrichtenagentur RIA Novosti "Regierungspropaganda" vorwirft.

"Natürlich ist RIA Novosti eine staatliche Agentur, die sich um eine positive Berichterstattung über die Macht bemüht", sagte Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow am Mittwoch vor der Presse in Moskau. "Aber ich würde nicht kategorisch behaupten, dass Sie ausschließlich Propaganda betreiben", fügte er hinzu.

Auf einem Forum der führenden Vertreter der größten internationalen Massenmedien im schwedischen Göteborg hatte Kasparow, der zugleich einer der Führer der Oppositionspartei Anderes Russland ist, die anwesende RIA-Novosti-Chefredakteurin Swetlana Mironjuk offen beschuldigt, im Schlepptau der Regierungspropaganda zu folgen. "Derartige Anschuldigungen haben weder Hand noch Fuß", heißt es in einer am Mittwoch in Moskau veröffentlichten Erklärung der Agentur. RIA Novosti empfahl Kasparow, ihren Nachrichtendienst aufmerksamer zu lesen, bevor er derartige Erklärungen abgibt, und forderte von ihm eine offizielle Entschuldigung.

Ryschkow zufolge finden bei RIA Novosti regelmäßig Pressekonferenzen unter Teilnahme oppositioneller Politiker statt. Er habe selber mehrmals bei Pressetreffen bei der Agentur heftige politische Kritik geübt. "Und RIA Novosti hat meine kritischen Kommentare ebenfalls mehrmals abgedruckt. Als eine staatliche Agentur muss RIA Novosti die Regierungspropaganda berücksichtigen und berichtet möglicherweise zu viel über die Staatsmacht. Aber Kasparow hat eindeutig übertrieben", sagte Ryschkow.

Auch Nikita Belych von der Union Rechter Kräfte (SPS) wollte Behauptungen Kasparows nicht akzeptieren. "Natürlich veröffentlicht RIA Novosti auch Informationen, die nichts mit Propaganda zu tun haben", sagte Belych in einem RIA-Novosti-Gespräch. Er empfahl, Kasparow zu einer Pressekonferenz einzuladen, damit er über die Tätigkeit seiner Partei, der Nationalen Versammlung u.a. informiere. "Dann werden alle Fragen vom Tisch sein", sagte er. Bislang haben weder Kasparow noch seine Vertreter den Presseclub oder andere Dienste von RIA Novosti um Pressekonferenzen oder andere Veranstaltungen in deren Räumen ersucht.

Ein anderer Aktivist von Anderes Russland, Denis Bilunow, wollte die Tätigkeit von RIA Novosti vorerst nicht einschätzen. "Ich möchte die Resultate des Tests abwarten", sagte er. Unter dem Test meinte er eine Pressekonferenz, die er in der Agentur geben möchte. Ein Antrag sei bereits gestellt worden.

Nur der Oppositionelle Boris Nemzow solidarisierte sich mit Kasparow: "RIA Novosti gehört dem Staat. Und der Staat bei uns sind Putin und Medwedew. Sie (RIA Nowosti) haben eine strenge Zensur. All meine politischen Kommentare zu Putin wurden gnadenlos herausredigiert", sagte Nemzow in einem RIA-Novosti-Gespräch.

In der Erklärung von RIA Novosti heißt es ferner, dass sich die Agentur in ihrer Tätigkeit von den allgemein gültigen Standards für Nachrichtenagenturen leiten lässt: Maximal objektive Darlegung von Fakten oder Äußerungen von Newsmakern, ungeachtet ihrer politischen Ansichten, politischen Zugehörigkeit und sozialen Lage. "Seit Jahresbeginn hat der Nachrichtendienst von RIA Novosti etwa 300 Beiträge zu Aktivitäten von Kasparow gesendet, von anderen Vertretern der parlamentarischen und sonstigen Opposition ganz zu schweigen. Im vergangenen Jahr fanden in den Räumen von RIA Novosti mehr als 50 Pressekonferenzen und Rundtisch-Sitzungen unter Teilnahme diverser oppositioneller Kräfte statt.

"Zudem veröffentlicht der Informationsportal www.inosmi.ru, der von RIA Novosti geführt wird, täglich Übersetzungen aus der ausländischen Presse. Seit Januar 2001 erschienen unter anderem 43 Beiträge, die Kasparow über Russland verfasst hatte", so RIA Novosti.